Montag, 16. März 2026

Erinnerungen an Jürgen Habermas

 


Jürgen Habermas ist tot. Der Philosoph und Soziologe starb nach Angaben des Suhrkamp Verlags am Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg.

Der Hochschullehrer galt als der einflussreichste und bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart und hat intellektuelle Debatten über Jahrzehnte geprägt. Als Hauptwerk gilt seine 1981 erschienene "Theorie des kommunikativen Handelns".

 https://www.instagram.com/p/DV3hTSqlGMq/

Habermas zeigt sich mit den Staat Israel und der Ukraine solidarisch

In seinem jüngsten Essay für die Süddeutsche Zeitung spricht sich Jürgen Habermas schon mal zähneknirschend für Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Er besteht aber darauf, dass es »inkonsistent« sei, das von Russland überfallene Land allein entscheiden zu lassen, wann der richtige Zeitpunkt für Verhandlungen sei. https://jungle.world/artikel/2023/11/ferien-auf-korcula

Jürgen Habermas zeigt sich mit Israel solidarisch – er wurde dafür angefeindet. Jürgen Habermas zum Nahost-Konflikt: Israels Reaktion „prinzipiell gerechtfertigt“ https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/habermas-israel-krieg-hamas-stellungnahme-philosoph-kritik-nahost-konflikt-92675976.html


 Ferien auf Korčula 


Texte der Kritischen Theorie wurden von linken Dissident:innen des Ostblocks stark rezipiert und Intellektuelle beider Seiten standen miteinander in regem Austausch. So trafen sie sich mehrere Jahre hintereinander auf der jugoslawischen Insel Korčula und bemühten sich in ihrer Sommerschule um eine Relektüre von Marx.


 https://jungle.world/artikel/2023/11/ferien-auf-korcula

Von Niklas Lämmel

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Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Zum Tod des renommierten Denkers ein Nachruf aus jüdischer Sicht  15.03.2026 10:03 Uhr

von Johannes Heil      

Wer »kommunikatives Handeln« und »herrschaftsfreien Diskurs« pflegt, muss den Namen Jürgen Habermas nicht extra nennen. Impulse und Werk des am Samstag, 14. März, im Alter von 96 Jahren verstorbenen Philosophen gehören zum Inventar besonders, aber bei weitem nicht nur der Bundesrepublik Deutschland. Das zeigt, welche Wirkung sein Schaffen hat, aber auch, welche Lücke sein Tod hinterlässt. Denn es ist nicht absehbar, wer künftig so wirksam die nötigen Begriffe setzen und Handlungsorientierung bieten wird. 

Zur Erinnerung: Jürgen Habermas wurde im Juni 1929 geboren, wie auch Anne Frank, die im Frühjahr 1945 in Bergen Belsen ermordet wurde. Zwei Generationsverwandte mit denkbar verschiedenen Lebenschancen und -wegen. Habermas konnte nach 1945 die Chance ergreifen, das Arrangement seines bergischen Kleinstadt-Elternhauses mit dem Nationalsozialismus hinter sich zu lassen und konsequent, fragend und analytisch scharfsinnig, für die Gestaltung einer anderen Gesellschaft zu wirken

 

Es wäre sicher in seinem Sinne und ein angemessenes Vermächtnis, wenn wir uns aufmachen und »mehr Habermas wagen«. 

Diese Gesprächsoffenheit des Materialisten Habermas mag irritieren, erklärt sich aber schon aus einem Text vom April 1982, seinem bewegten Bericht von der Bestattung Gerschom Scholems in Jerusalem. Neben dem Angedenken unternimmt der Text auch eine eigene Standortbestimmung: »Scholem hat vielen von uns für das jüdische Schicksal die Augen geöffnet. [….] Für uns stirbt mit ihm eine Generation von Lehrern, in deren Person ein Stück unkorrumpierter eigener Vergangenheit gegenwärtig war.«

Weiter räsoniert Habermas in diesem Text auch die wenigen hebräischen Begriffe, die er in der Rede des Akademiepräsidenten, Ephraim Urbach, versteht. Neben Tikkun ist es Zimzum (die Selbstverschränkung Gottes), und er hält fest: »Nach dem Fall Adams und dem Sturz einer beinahe vollendeten Schöpfung spitzt sich dieses Problem [Zimzum] zu. Gott hat sich nun so weit zurückgezogen, dass die Rückführung der Dinge an ihren ursprünglichen Ort der Anstrengung der Menschen überantwortet wird. Die Menschen selber müssen das Dokument schreiben, für welches der Messias nicht mehr bedeutet als eine fehlende Unterschrift« (Merkur, Nr. 406, 1982).

Hier liegt wohl ein Schüssel zum Verständnis der Habermas’schen Stellung zur Religion: Es gibt keine Einwände gegen sie, keine gegen die Gewissheit göttlicher Präsenz, aber der Imperativ des Handelns, und das meint kompromisslos rationales Handeln, ist alleine den Menschen, in ihrer Summe den Gesellschaften aufgegeben. 

Das klingt vor dem Hintergrund allenthalben unruhiger, bedrohlicher und unkalkulierbarer Zeitumstände provozierend optimistisch und herausfordernd. Aber es wäre sicher in seinem Sinne und ein angemessenes Vermächtnis, wenn wir uns aufmachen und »mehr Habermas wagen«. 

Der Verfasser ist Inhaber der Ignatz Bubis-Stiftungsprofessur für Geschichte, Religion und Kultur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg .   

 https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ende-einer-epoche-und-auftrag/

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Habermas prägte die intellektuellen Begriffe: Formulierungen wie „kommunikatives Handeln“, „herrschaftsfreier Diskurs“, die damals berühmten „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, die „Neue Unübersichtlichkeit“, die „nachholende Moderne“ und vor allem das „Projekt der Aufklärung“ sind ins gebildete Vokabular der Bundesrepublik eingegangen. ⁠

Bis zum Schluss konnte sich der Sturmvogel der Bundesrepublik über „verzwergte politische Eliten“ und über den „kleinteiligen Opportunismus der Machterhaltung“ aufregen. Jürgen Habermas hat danach gelebt und dafür sein Leben lang geschrieben.⁠ [..]

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