„Ich erkenne im Juden meinen Nächsten"
Bernhard
Lichtenberg, der einzige katholische Priester in Nazi-Deutschland, der seine
Stimme gegen die Verfolgung der Juden erhob, wurde am 3. Dezember 1875 in Ohlau
(poln. Oława), etwa 30 Kilometer südöstlich von Breslau (poln. Wrocław) in der
damals preußischen Provinz Niederschlesien geboren. Er war das zweite von fünf
Kindern. Die Kaufmannsfamilie gehörte zu der katholischen Minderheit in der
überwiegend protestantischen Stadt. 1886 stellten die Katholiken etwa 31 %
der 15.787 Einwohner. Es gab auch eine kleine jüdische Gemeinde von 123
Personen (0,8 %). Bernhard Lichtenberg machte sein Abitur am Ohlauer Gymnasium
und beschloss, Priester zu werden. Er studierte Theologie in Breslau und
Innsbruck und erhielt 1899 die Priesterweihe. Seine Tätigkeit im Dienst der
Kirche konzentrierte sich nach 1913 auf Berlin. Nachdem er mehr als ein
Jahrzehnt Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde in Charlottenburg war, wurde er
1932 als Dompfarrer an die
St.-Hedwig-Kirche
berufen. Lichtenberg engagierte sich auch kirchenpolitisch und war von 1913 bis
1920 Vertreter der Zentrumspartei im Bezirk Charlottenburg und von 1920 bis
1930 Mitglied des Weddinger Bezirksparlaments. Nach dem Ersten Welrkrieg, in
dem er als Militärkaplan diente, war er auch Mitglied des „Friedensbundes
Deutscher Katholiken" geworden und 1929 wurde er in den Vorstand der
„Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden" berufen. Bereits
1931 wurde Lichtenberg zur Zielscheibe eines gehässigen Artikels in Goebbels'
Hetzblatt „Der Angriff", nachdem er einen Aufruf unterzeichnet hatte, der
Katholiken empfahl, die Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsnovelle
„Im Westen nichts Neues" anzusehen. Am 31. März 1933, zwei Monate nachdem
die Nazis an die Macht gekommen waren, arrangierte Lichtenberg für den
jüdischen Bankier Oskar Wassermann ein Treffen mit Kardinal Bertram, dem
Erzbischof von Breslau und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Dies
war ein vergeblicher Versuch, den Kardinal zum Einschreiten gegen den für den
nächsten Tag geplanten Boykott gegen die Juden zu bewegen. Bertram sah die
ganze Angelegenheit als nicht in den Bereich der Kirchenaktivitäten gehörig an.
In deutlichem
Kontrast zur Mehrheit der katholischen und protestantischen Kirchenführung
während des Holocaust war Lichtenberg von Anfang an davon überzeugt, dass er
als katholischer Priester verpflichtet sei, den Juden, die zunehmend aller
Bürger- und Menschenrechte beraubt wurden, zu helfen. Der „Lagebericht der
Staatspolizeistelle Potsdam" für Februar 1936 berichtet von einem in
Berlin gehaltenen Religionsgespräch zwischen Lichtenberg, zwei Rabbinern, zwei
Pfarrern der Bekennenden Kirche und einigen „nichtarischen" Laien. „Die
Versammlung soll zu dem Ergebnis gekommen sein, daß das deutsche Volk an den
Juden viel wieder gutzumachen habe". Nachdem Lichtenberg 1937 zum
Domprobst gewählt worden war, wurde ihm im August 1938 die Leitung
des „Hilfswerkes beim Bischöflichen Ordinariat Berlin", das vielen
Katholiken jüdischer Abstammung bei der Emigration aus Nazi-Deutschland half,
übertragen.
Unter dem
Eindruck der „Reichskristallnacht" am 9./10. November 1938 war Lichtenberg
der einzige Kirchenmann, der seine Stimme öffentlich und furchtlos gegen die
Brutalität der Nazis erhob, während die deutschen Kirchen in ihrer Gesamtheit -
einschließlich der dissidenten Bekennenden Kirche- zu den Ausschreitungen gegen
die Juden schwiegen:
„Was gestern
war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen
ist, haben wir erlebt: Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein
Gotteshaus."
Von diesem
Abend an bis zu seiner Verhaftung am 23. Oktober 1941 betete Lichtenberg
täglich auf seiner Kanzel in der St.-Hedwig-Kirche fur die Juden, die Christen
jüdischer Abstammung und andere Opfer des Regimes. Nach dem Kriegsausbruch
bereitete er ein Schreiben an den Berliner Luftschutzleiter vor, in dem er
gegen die Rassentrennung in den Luftschutzbunkern protestierte, die mit einem
Dekret vom 14. Dezember 1939 angeordnet worden war.
Lichtenbergs
ablehnende Haltung zum NS-Regime und seine fortdauernden Proteste gegen die
Judenverfolgung brachten ihn zwangsläufig in Konflikt mit der
Unterdrückungsmaschinerie des nationalsozialistischen Staates. Zwei
Studentinnen, die ihn öffentlich für die Juden und die Häftlinge der
Konzentrationslager beten hörten, denunzierten ihn. Bei der Hausdurchsuchung,
die die Gestapo am 23. Oktober 1941 in seiner Wohnung vornahm, fand sich eine
Kanzelvermeldung, die Lichtenberg am darauf folgenden Sonntag hatte verlesen
wollen. Die Vermeldung war eine Reaktion auf ein von Goebbels
Propagandaministerium verbreitetes Flugblatt, in dem die deutschen
„Volksgenossen" davor gewarnt wurden, Juden auf irgendeine Weise zu
helfen oder sie auch nur freundlich zu grüßen. Lichtenberg schrieb:
„In Berliner
Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird
behauptet, dass jeder Deutsche, der aus angeblicher falscher
Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch nur durch ein
freundliches Entgegenkommen, Verrat an seinem Volk übt. Laßt euch durch diese
unchristliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt nach dem strengen Gebote
Jesu Christi: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."
Bei seinem
Verhör weigerte sich Lichtenberg, seine Worte zurückzunehmen und verschärfte
sogar noch seine Aussagen. Als er zu einem mit Anmerkungen versehenen Exemplar
von „Mein Kampf", dass sich in seinem Besitz befand, befragt wurde,
erwiderte Lichtenberg, dass er als katholischer Priester verpflichtet sei, der
in „ Mein Kampf" dargelegten Weltanschauung zu widersprechen, da sie
unchristlich sei. Er war auch bereit, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen, die
sein Widerstand gegen die Politik des Staates für ihn haben würde:
„Das ergibt sich daraus, dass ich die Evakuierungen
(d. h. die Deportation der Juden) mit all ihren Begleiterscheinungen
innerlich ablehne, weil sie gegen das Hauptgebot des Christentums gerichtet
sind, „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst". Und ich erkenne
auch im Juden meinen Nächsten, der eine unsterbliche, nach dem Bild und
Gleichnis Gottes geschaffene Seele besitzt. Da ich aber diese
Regierungsverfügung nicht hindern kann, war ich entschlossen, deportierte Juden
und Juden-Christen in die Verbannung zu begleiten, um Ihnen dort als Seelsorger
zu dienen. Ich benutze diese Gelegenheit, um die Geheime Staatspolizei zu
bitten, mir diese Gelegenheit zu geben."
Im Mai 1942 verurteilte das Berliner Landgericht
Lichtenberg wegen „Kanzelmißbrauchs" und „Heimtücke" zu zwei Jahren
Haft. Befragt, ob er selber noch etwas zu seiner Verteidigung anzuführen habe,
äußerte Lichtenberg laut Urteilsprorokoll: „lch gebe der Überzeugung
Ausdruck, dass der Staat durch einen für die Juden betenden Bürger keinen
Schaden erleide."
Gegen Ende der
zweijährigen Haft besuchte der Berliner Bischof Preysing Lichtenberg im
Gefängnis Tegel und überbrachte ihm das Angebot der Gestapo, ihn freizulassen,
wenn er verspräche, nicht zu predigen, solange der Krieg dauere. Lichtenberg
bat stattdessen um die Erlaubnis, Juden und Christen jüdischer
Abstammung, die deportiert wurden, nach Lodz/Polen begleiten zu dürfen
und dort als Seelsorger zu dienen. Preysing, der sich große Sorgen um
Lichtenbergs schlechten Gesundheitszustand machte, versuchte vergeblich, ihn
von diesem Gedanken abzubringen.
Angesichts von
Lichtenbergs unerschütterter Gegnerschaft zum NS-Regime ordnete der SD
seine Internierung im Konzentrationslager Dachau an. Während er noch auf die
Überstellung dorthin wartete, wurde der 67-jährige schwer krank und starb am 5.
November 1943.
Am 7. Juli 2004
erkannte Yad Vashem Bernhard Lichtenberg als „Gerechten unter den
Völkern" an.
Dieser Text
wurde dem „Lexikon
der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher” (Hrsg.:
Daniel Fraenkel und Jakob Borut) entnommen
https://www.yadvashem.org/de/righteous/stories/lichtenberg.html
https://www.instagram.com/antifagruppeweidenneustadt/