Prof.
Rudolf Gelbard
KZ-Überlebender, Zeitzeuge
* 1930 † 2018
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No Pasarán – Sie werden nicht durchkommen!
Leben und Werk
Rudolf Gelbard wurde 1930 in Wien geboren und als Kind mit seinen jüdischen Eltern 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Als eines der wenigen Kinder überlebte er die Internierung in Theresienstadt und setzt sich seit seiner Befreiung als Mitglied der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer für die Aufklärung über die NS-Verbrechen ein. Neben seiner laufenden Tätigkeit in Schulen, auf Symposien und in Lehrveranstaltungen war er auch als Mitglied der Kulturkommission der Israelitischen Kultusgemeinde tätig.
Für seine Verdienste und seine aufklärerische Vortragstätigkeit wurde er von der Republik Österreich mit dem Berufstitel Professor und weiteren Auszeichnungen, darunter die Joseph-Samuel-Bloch-Medaille, geehrt. Seit 2008 wird vom Republikanischen Club - Neues Österreich der "Rudolf Gelbard Preis für Aufklärung gegen Faschismus und Antisemitismus" vergeben. Gelbard selbst war der erste Preisträger dieser Auszeichnung.
In der Spielzeit 2013-14 wirkte er bei der Zeitzeugenproduktion Die letzten Zeugen von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater mit; die Produktion bezog sich auf die Novemberpogrome 1938, erlangte hohe Wertschätzung seitens Publikum und Presse und wurde zum Berliner Theatertreffen 2014 nach Dresden, Hamburg, Frankfurt und auch Salzburg eingeladen.
Lebenslauf
4.12.1930 geboren in Wien
12.3.1938 Einmarsch der Deutschen Wehrmacht. Beobachtung von
Drangsalierungen von Juden (die sogenannten Reibpartien) auf den Straßen.
Entfernung aus der Schule wegen jüdischer Abstammung, deshalb immer wieder
Schulwechsel.
9.11.1938 Reichskristallnacht (Reichspogromnacht) bewusst erlebt (30.000
jüdische Männer wurden verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager
gebracht, viele Tempel und kleine Bethäuser wurden zerstört)
1938 - 1942 Immer drückendere Lebensumstände (Hunger)
2.10.1942 bis 8.5.1945 Häftling im KZ Theresienstadt. (Von 15.000
Kindern überlebten nur sehr wenige.) Politische Schulung durch fünf bedeutende
linkssozialistisch-zionistische und sozialdemokratisch-zionistische Jugendführer
verschiedener Nationen, welche alle in Auschwitz II (Birkenau) ermordet wurden.
Mai 1945 Rückkehr nach Wien.
1945 - 1948 Nachholen der Schulbildung. Täglicher Privatunterricht mit
Gymnasialprofessor Dr. Minha
1948 - 1950 Besuch der Handelsschule Neumann
ab 1948 ständiger Besuch von weiterbildenden Kursen an verschiedenen
Wiener Volkshochschulen und außerordentlicher Hörer am Institut für
Zeitgeschichte Wien an der Universität Wien
Themenschwerpunkte:
- Geschichte der sechs Hauptströmungen im Zionismus
- Geschichte des Nahostkonflikts
- Geschichte des Holocaust (Shoa)
- Parteisäuberungen in der Sowjetunion, der Kommunistischen Internationale und den Volksdemokratien (Zeitraum 1934 bis 1971)
- Geschichte der Taktik und Strategie der Kommunistischen Internationale
- Geschichte des Nationalsozialismus.
- Die Verfolgungsgeschichte der totalitären Systeme des 20. Jahrhundert
1948 - 1949 Besuch der Akademie der Sozialistischen Jugend Österreichs.
1951 - 1952 Beschäftigung in der Firma meines Vaters Alexander Gelbard.
Mein Vater starb 1952 im 46. Lebensjahr an den Folgen der KZ-Haft. Auch meine
Mutter starb vorzeitig an den Folgen der KZ-Haft (an psychischer Zerrüttung).
19 Familienmitglieder wurden ermordet.
1954 - 1963 Erhebungsabteilung des Bundesministeriums für soziale
Verwaltung.
1956 - 1958 Besuch der Wiener Parteischule der SPÖ.
1964 - 1974 beruflich tätig als Marktfierant mit Stoffen auf
verschiedenen Wiener Märkten und gleichzeitig zeitweise auch selbständiger
Handelsvertreter.
1975 - 1990 Redakteur beim "Kurier"
Tätigkeit als
- Mitglied der Ombudsman-Redaktion
- Dokumentarist
für Zeitgeschichte
a) Vorbereitung und Literaturzusammenstellung für viele zeitgeschichtliche Artikelserien
b) Vorbereitung und Literaturzusammenstellung für politische Sachbücher
c) Recherchearbeit für Chefredakteur Hans Rauscher und Redakteur Peter Pisa
d) Recherchearbeit für Chefredakteur Dr. Franz Ferdinand Wolf (ORF-Sendung "Zu Gast bei Dr. Wolf", jeweils Sonntagvormittag im Theater in der Josefstadt)
ab 1.1.1991 Ausscheiden aus dem Dienstverhältnis beim Kurier (Erreichung des 60.
Lebensjahres)
Pensionsantritt.
Ab diesem Zeitpunkt umfangreiche Tätigkeit als Vortragender (Zeitzeuge) an
- Universität Wien, Seminare von Univ.-Doz. Dr. Herbert Steiner und Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Neugebauer
- Vorträge an verschiedenen Gymnasien in Wien und den Bundesländern
- Vorträge an Berufsschulen in Wien
- Moderator von Buchpräsentationen zum Thema Zeitgeschichte im Rahmen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
In den 50er Jahren Beobachter bei verschiedenen Nazi-Kriegsverbrecher-Prozessen (z.B. gegen Mitglieder der SS-Polizeidivision. Diese Einheit ermordete Zehntausende Juden in Galizien).
In den 60er Jahren Teilnahme an verschiedenen Protestdemonstrationen gegen Freisprüche von österreichischen Gerichten in verschiedenen Kriegsverbrecherprozessen.
- Prozess Murer, Gebietskommissar von Wilna
- Prozess Novak, SS-Transportoffizier im Eichmann-Kommando
- Prozess Rajakovitsch, SS-Wirtschaftsoffizier im Eichmann-Kommando
- Prozess Verbelen, SS-General in Belgien
In den 70er Jahren Sprengung eines Vortrages des amerikanischen Revisionisten David Hoggan im 7. Bezirk.
In den 80er Jahren Sprengung eines Vortrages des englischen Revisionisten David Irving im Parkhotel Hietzing.
In den letzten Jahrzehnten Beobachter bei allen Neonaziprozessen
- Prozess I Honsik
- Prozess I Küssel
- Prozess Schimanek
- Prozess Entreß
- Prozess II Küssel
- Prozess Wehrsportgruppe Trenck
- Prozess NÖ Neonazigruppe
- Prozess David Irving
- Prozess John Gudenus
- Prozess II Honsik 20.4.2009
Recherchearbeit für die Bücher von Hans-Henning Scharsach "Haiders Kampf", "Haiders Clan" und "Haider und Europa" und von Hans Rauscher, "Israel, Europa und der neue Antisemitismus" (Ein aktuelles Handbuch)
Im Jahre 1972
Tod des einzigen Kindes (Tochter Judith) mit 17 Jahren.
Seit 1990 verheiratet mit Inge Gelbard.
Antifaschistische Aktivitäten
Mehr lesen
(Beteiligung an vielen antifaschistischen Auseinandersetzungen)
1946 Ganztägige Belagerung der Wiener Universität (es gab antisemitische
Tumulte bei einer Vorlesung über die Geschichte der Juden im Mittelalter).
1948 Sprengung der Gründerversammlung der Ariseure (sie nannten sich
euphemistisch "Verband der Rückstellungsbetroffenen") Hotel
Wimberger.
Februar 1955 Sprengung einer Neonaziversammlung (Hotel Münchnerhof). Der
VDU-Nationalrat Dr. Fritz Stüber wollte eine Versammlung abhalten unter dem
Titel "Hungerrenten und die jüdischen Forderungen an Österreich"
17.10.1959 Schwere Straßenauseinandersetzungen (Schiller-Feier -
erstmaliger Aufmarsch nach dem Zweiten Weltkrieg der volkstreuen Verbände in
Wien, deutschnationale neonazistische Gruppen). Bund heimattreuer Jugend,
Österreichischer Turnerbund (mit den Dietwarten), schlagende Verbindungen
(Teutonia, Germania, Gothia, Libertas, Bruna Sudetia, Olympia). Die
Burschenschaft "Olympia" des Dritten Nationalratspräsidenten Dr.
Michael Graf war schon vor 50 Jahren die härteste deutschnationale Verbindung.
29.3.,31.3.1965 Sehr harte Straßenauseinandersetzungen in Wien (ein
Toter: ehemaliger KZ-Häftling Ernst Kirchweger)
"Borodajkevic-Affäre". Der Täter war das Mitglied des Ringes
freiheitlicher Jugend Günther Kümmel.
Zeitzeugenschaft - Privileg und Verpflichtung
„Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben. Die Antwort, die ich für mich gefunden habe (und die keineswegs die Antwort jedes Überlebenden sein muss), lautet: Ich will ihr Sprachrohr sein, ich will die Erinnerung an sie wach halten, damit die Toten in dieser Erinnerung weiterleben können. Aber wir, die Überlebenden, sind nicht nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden Generationen: Wir müssen unsere Erfahrungen an sie weitergeben, damit sie daraus lernen können. Information ist Abwehr. Überlebende müssen wie Seismographen sein, sie müssen die Gefahr − früher als andere − wittern, in ihren Konturen erkennen und aufzeigen. Sie haben nicht das Recht, sich ein zweites Mal zu irren und für harmlos zu halten, was in einer Katastrophe münden kann.“
– Simon Wiesenthal: Aus: Recht, nicht Rache (Brief an junge Menschen), mehrfach zitiert von Rudolf Gelbard
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