Samstag, 11. Juli 2026

Erfurt | die putinfaschistische AfD, die antisemitische Volksfront und das Scheitern der Blockade

 

Zehntausende demonstrierten am Samstag gegen den Parteitag der rechtsextremen AfD. Die Blockadeversuche des Bündnisses Widersetzen scheiterten. Während der Proteste wurde auch der Stand der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus bedroht.

Schon um sechs Uhr morgens drängten sich Tausende Menschen auf dem Vorplatz des Erfurter Hauptbahnhofs. Mit müden Gesichtern und Kaffeebechern in den Händen versammelten sich die Demonstrierenden unter der Losung »Nie wieder ist jetzt« zum ersten von zwei Demonstrationszügen in Richtung Messeparkplatz.
Man kam zusammen, um gegen den in einer der Erfurter Messehallen stattfindenden Bundesparteitag der AfD zu protestieren. Gewerkschaften zeigten ihre Flaggen und linke Kleinstparteien versuchten, ihre Zeitschriften an die Massen zu bringen. Außerdem waren maoistische Splittergruppen wie die »Thüringer Volksfront« anwesend, viele der De­monst­rant:in­nen trugen Palästinensertücher. Gegen acht Uhr erreichte die Demonstration schließlich den Parkplatz der Messehalle, wo das Bündnis Zusammenstehen ein vielfältiges Gegenprogramm zum Parteitag organisiert hatte. Neben Redebeiträgen und Musik gab es dort Informationsstände von Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Gleichzeitig versuchte seit den frühen Morgenstunden das Bündnis Widersetzen, an verschiedenen Orten rund um Erfurt Straßen und Feldwege zu besetzen, um die Anreise der AfD-Delegationen zu blockieren. Als gegen zehn Uhr der Parteitag dennoch pünktlich begann, machte sich unter den Protestierenden schnell Ernüchterung breit.

Die Blockaden scheiterten, doch ungeachtet dessen setzte auf den verschiedenen Bühnen eine Rhetorik der Superlative ein, die Erfurt als »antifaschistische Hauptstadt« glorifizierte.

Der Pressesprecher von Widersetzen, Michel Schmidt, wollte im Gespräch mit der Jungle World die ausgebliebene Wirkung der Blockadeversuche des Parteitags nicht als Scheitern verstanden wissen. Schon bei den Demonstrationsaufrufen habe sich gezeigt, wie stark das Bündnis in Erfurt verankert sei. Man habe »an 20.000 Haustüren geklingelt« und »mit 10.000 Menschen geredet«. Auch am Morgen selbst habe ­alles wie geplant funktioniert, weil »alle Blockaden wie geplant gestanden haben«, sagte Schmidt. Die AfD wäre »nicht durchgekommen«, wenn die Polizei den »Fasc­hist:in­nen nicht den Weg freigemacht« hätte. Erfurt sei eine »anti­faschistische Stadt«.

Draußen Antifaschismus, drinnen Tagesordnung

Die Blockaden scheiterten also, doch ungeachtet dessen setzte auf den verschiedenen Bühnen eine Rhetorik der Superlative ein. Immer wieder tönte aus den Lautsprechern die Mitteilung, Erfurt sei an diesem Wochenende die »antifaschistische Hauptstadt«. In der Messehalle hatte die AfD da längst mit der Tagesordnung begonnen. Gleich zu Beginn verhinderte die Parteiführung eine Kontroverse über eine weitere Öffnung der Partei für sich teils offen neonazistisch gebärdende Gruppierungen, deren Mitgliedern bisher offiziell eine Mitgliedschaft in der AfD nicht möglich war, weil sie auf einer sogenannten Unvereinbarkeitsliste standen. Ein vom Thüringer Co-Landesvorsitzenden Björn Höcke unterstützter Antrag zur »Überarbeitung« der Unvereinbarkeitsliste wurde kurzfristig zurückgezogen, nachdem die Co-Bundesvorsitzende Alice Weidel eine Neufassung binnen eines Jahres in Aussicht gestellt hatte.

Ansonsten passierte inhaltlich wenig – womöglich um weiterhin innerparteiliche Harmonie vorzugaukeln. Schließlich stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bevor. Als Parteivorsitzende wurden Weidel mit 81 Prozent und Tino Chrupalla mit 70 Prozent der Stimmen bestätigt. Auch der Bundesvorstand wurde neu gewählt, die Personalentscheidungen sprechen für eine eine weitere Stärkung von Höckes Macht in der Partei: So rückt mit Jean-Pascal Hohm ein Rechtsextremer in den Parteivorstand, der gleichzeitig Vorsitzender der Parteijugend ist. Und mit Stefan Möller, Co-Vorsitzender der Thüringer AfD, findet sich einer der engsten Vertrauten Höckes in dem Gremium.

Während sich die AfD durch ihre Tagesordnung arbeitete, fand vor den Hallen das »Fest der Demokratie« statt. Zeitweise verhinderte die Polizei einen weiteren Zustrom von Protestierenden. Am Gothaer Platz, etwa eineinhalb Kilometer vor der Messe, ging die Polizei teils mit brutalen Schmerzgriffen gegen eine Spontanblockade vor. Katja Maurer, Mitglied des Thüringer Landtagsfraktion der Linkspartei und eine von rund 60 parlamentarischen Beo­bach­ter:in­nen, berichtete der Jungle World vom Einsatz von Knüppeln und Pfefferspray. Die Polizei bestätigte dies auf Anfrage der Jungle World; demnach sei es zuvor zu einem Übergriff auf »rechte Journalisten« gekommen, die sich »Schürfwunden« zugezogen hätten. Bei diesen Personen handelte es sich um Vertreter einer extrem rechten Zeitung und eines extrem rechten Online-­Portals.

Israelfeindliche Drohungen aus linken Demonstrationszügen

Gegen Nachmittag fanden sich schließlich auch die letzten Gruppen, die den frühmorgendlichen Blockadeversuch unternommen hatten, am Messeparkplatz ein. Einer der Demonstrationszüge erhielt Applaus von den Anwesenden. Als dieser am Stand der thüringischen Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) vorbeikam, wurden »Free Palestine«-Rufe laut, anscheinend allein deshalb, weil dort eine Regenbogenfahne mit Davidstern zu sehen war. Der Rias-Projektleiter Timo Galki sagte im Gespräch mit der Jungle World, den ganzen Tag über habe er eine »allgegenwärtige Bedrohungssituation« wahrgenommen. Mehrere Personen, mit denen Gespräche am Stand stattfanden, hätten sich »respektlos« bis »extrem bedrohlich« verhalten. Bereits gegen neun Uhr kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit israelfeindlichen De­monst­rant:in­nen. Danach teilte die Kundgebungsleitung dem Stand dauerhaft Ordnerschutz zu, die weitere Arbeit wäre, so Galki, sonst »nicht mehr möglich gewesen«.

Katharina König-Preuss, die für die Linkspartei dem Thüringer Landtag angehört, verurteilte im Gespräch mit der Jungle World die Angriffe scharf. Dass ausgerechnet Menschen, »die sich für den Schutz jüdischen Lebens einsetzen«, bedroht werden, sei skandalös. Besonders »verabscheuungswürdig« sei dies, weil die Kundgebung mit dem Anspruch des »Zusammenstehens« stattgefunden habe. Den »autoritären Gruppen«, die beteiligt waren, warf König-Preuss vor, dass sie »weder gegen Antisemitismus noch gegen rechts« zusammenstünden und keinesfalls zu solchen Bündnissen gehören könnten und dürften. Die Landtagsabgeordnete berichtete, dass es aus diesen Kreisen auch zu Anfeindungen gegen den Stand der thüringischen Linkspartei gekommen sei. Dort seien Vertreter der Partei als »Faschisten« bezeichnet worden. Eine »stärkere Beschäftigung mit dem Vorgehen und dem Agieren dieser Gruppen« sei nun notwendig.

Galki betonte jedoch, wie stark die spontane Unterstützung am Stand von Rias Thüringen gewesen sei: Nicht wenige hätten »Kaffee und Pommes« vorbeigebracht oder sich in Diskussionen eingeschaltet. König-Preuss sprach von vielfältigen Solidaritätsgesten von Leuten aus dem Aktionsbündnis Widersetzen. Dass so viele solidarische Menschen in die Stadt gekommen seien und antisemitismuskritischen Kräften Schutz geboten hätten, sei an diesem Tag »das Positive« gewesen.

 

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